▷ Luzifers Bekenntnisse

Ein Epos in 8 Gesängen

Im ewigen Raume schwebte ein heller Geist und schaute mit großem Auge in die Ferne des Weltenalls in tiefstem Staunen:

„Wer bin ich? – – Was ist mein Sein? – – Ich sehe nichts um mich als meine Klarheit. Mein eigen Ich erkenne ich, doch was bin ich? Mein Kleid ist Licht. Mein Fühlen, Denken reicht nicht weiter als meine Auge schaut! – – Wo bin ich? Was hat mich geboren? – – Ich bin – – und war noch nicht bevor ich lebte. – Das ist mein Sein? – Ich fühle, dass ich bin und heißes Streben regt sich in mir, zu wissen – warum ich bin, weshalb ich ward? –

Im leeren Raum, der ohne End‘ und Anfang, mir Wohnung scheint, Heimat und Zufluchtsort, da ward ich ausgeboren und fühle mich allein. – Soll einsam ich in diesem Raume bleiben, durcheilen ihn, stets ohne Zweck und Ziel?

Lass mich dich Kraft erkennen, die mich in’s Dasein rief, die mir das Leben gab, die Einsicht, dass ich sei, in’s Hirn mir pflanzte und das Bewusstsein gab: Ich bin! – Warum bin ich? – Dass will ich wissen, muss es wissen! antwort erwarte ich in heißer Begierde und wenn du bist oh Schaffenskraft, so offenbare dich! Zeig dich und sage, was dein Wille!“

So rief ich einst, als mich die Kraft der Gottheit, die Allmacht in das Leben zwang und ich zum Wissen meines Seins gelangt – doch einsam war. Ein lichter Geist war ich, der strahlend seiner Macht erkannte, jedoch nicht wusste, wie sie zu gebrauchen. Erwachend zum Bewusstsein, nicht in Vollkommenheit geboren, nicht weise so wie Gott, nicht im Besitz der Liebe zu dem Höchsten, den ich kannte, nur in mir selbst und aus mir selbst die Schöpferkraft empfindend, durchstreifte ich des Weltalls ew’gen Raum, Licht bringend überall, wo ich verweilte.

Dem Kinde gleich ward ich geboren, das wächst, dann fühlt und denkt. Das Menschenkind von Mutterhänden wohl gehütet, kennt seine Mutter anfangs nicht, weiß nicht, dass es aus ihrem Schoss ins Dasein trat – und dennoch ruft es weinend nach der Mutter. So rief auch ich nach meiner Mutter, – erst lallend, dann mit lauter Stimme, – doch ward mir nicht ihr liebes Angesicht. Dem Schmetterling gleich, der aus der Puppe kriecht und furchtsam erst sein schönes Flügelpaar entrollt um dann mit schwachen, stetig stärkeren Schlägen die Kraft der Schwingen zu erproben, bis sie ihn hoch in sonndurchwärmte Lüfte tragen, so wagte auch der Erstgeborene Gottes, der ich bin, die Schwingen seines Geistes zu entfalten und suchte seine Mutter.

Wie ist’s dem Kinde wohl am warmen Mutterherzen, wie schmiegt es sich an ihre Brust und trinkt mit Lust die Nahrung, die sie freudenvoll ihm bietet. – Ihr wisst nicht, Menschen, welche Gnad‘ euch wurde, als Gott der Herr euch jedem seine Mutter gab. Ich habe meine Mutter nie gesehen, hab‘ ihren warmen Hauch, den Kuss der Liebe, den sie auf’s Haupt des Kindes drückt, nie wie das kleinste Menschenkind empfunden. – Ich ward geboren ohne dieses Glück, war da, erblickte nie die Kraft, die mir das Leben gab und mich zum Wachstum eines Daseins im weiten Aetherraum des Weltalls zwang.

Ich fühlte mich klar, dass eine Kraft bestand, die zeugend mich zum Werden ausgeboren, dass ich nicht selbst ein Leben mir gegeben, das schlummernd erst im tiefem Weltraum ruhte, und dann erwachend sich als Ich erkennt. Ja, ich empfand: die Schöpferkraft, die mich durchströmte, kam nicht aus mir, sie drang von außen in mein Ich, ergriff, durchglühte voll mein ganzes Wesen und sprach als ew’ger Geist zu mir, dem ersten dienenden Geschöpf. Gewaltig fühlte ich den Hauch der Macht, doch nicht wie Mutterliebe, nein, wie Sonnenglanz und Sonnenwärme, die den wegmüden Wandersmann umgibt, der sich am Waldesrand im Sonnenstrahle badet. Was ist das Glück des höchstens Machtempfindens, das sich in mir dem Erstgeborenen vereinte, nur gegen einen Tag am warmen Mutterherzen, das ich nie gekannt.

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