Unendliche Sehnsucht

Scheich Nazim – www.naqschibandi.de

Für unseren Besucher bin ich ein seltsamer Mensch in seltsamen Kleidern

Er glaubt, mich heute zum ersten Mal zu sehen. Und er weiß nur, daß dieser Mensch Scheich Nazim genannt wird. Aber gerade so, wie ich ihm ein unbekanntes Wesen bin, ist er sich selbst unbekannt. Er weiß von sich im Grunde nur, was in seinem Ausweis steht: Geburtsdatum, Geburtsort, Name der Mutter, Name des Vaters, Beruf.
Wie soll nun jemand, der seine wahre Existenz nicht kennt, erst seinen Schöpfer kennen? Ich verüble es den Leuten nicht, wenn sie den göttlichen Wirklichkeiten und dem Sein des Schöpfers gegenüber blind sind, sind sie es ja doch auch sich selbst gegenüber.

Kennten sie sich selbst, würden sie auch Gott kennen. Bisher weiß unser Freund nicht einmal, ob er etwas ist. Er sagt sich, »Vor hundert Jahren war ich nicht, und in hundert Jahren werde ich nicht sein; wie soll ich da sagen, ich sei etwas?» – Zugleich kann er aber nicht verleugnen, daß er jetzt ein Gefühl von sich selber hat, daß er sich als lebendes Wesen fühlt.

Das Ende des physischen Körpers ist das Grab

der spirituelle Körper aber ist ein himmlisches Wesen, und sein Leben ist das wirkliche Leben. Der Körper ist wie ein Käfig und unsere Seele ein Vogel. Der Vogel kommt vom Himmel und tappt in den Käfig. Dort bleibt er gefangen, bis der Wächter kommt, die Türe öffnet und sagt: »Geh, du bist frei.»- Die Freunde Gottes, die Heiligen, erwarten mit Sehnsucht die Ankunft dieses Wächters, der sie ein für allemal aus dem Käfig entlassen wird. Die Achtlosen aber warten auf niemanden. Sie sagen: »Dieser Käfig ist großartig! Wir haben jede Menge zu essen und zu trinken und können überall herumhüpfen. Von der Schaukel der oberen Sitzstange hinunter zur unteren Sitzstange und wieder nach oben auf die Schaukel.»

Alle aber, die sich in der diesseitigen Welt eingekerkert fühlen, sehen dem Augenblick der Befreiung mit Sehnsucht und Hoffnung entgegen. Sie wissen, daß alles in dieser Welt endlich ist und nur begrenzte Zufriedenheit gibt. Zugleich schreit etwas in ihnen nach einer Welt ohne Grenzen, einer Freude ohne Ende. Der physische Körper kann darauf nicht antworten, er vermag diese Sehnsucht nicht zu stillen. Nur was in uns unendlich ist, kann das Unendliche erreichen. Das ist unser spirituelles Wesen.

Unendliche Sehnsucht unterscheidet den Menschen von anderen Geschöpfen

Ihnen wurde die spirituelle Kraft der Menschen nicht gegeben, ihr Verlangen ist auf ihre körperlichen Bedürfnisse beschränkt. Die unendliche Sehnsucht des Menschen hingegen stammt von dem ewigen, grenzenlosen Geist in ihm, stammt von der Kraft, mit der ihn der Schöpfer begabt hat, damit der Mensch Ihn, den Allmächtigen, erkenne.

Noch erhaschen wir nur einen Schimmer von der Größe des Schöpfers. Durch zwei kleine Fenster, durch die Pupillen unserer Augen, blicken wir in Ehrfurcht auf dieses Universum. Und doch ist das, was unsere Seele, durch das Gitterfenster des Körpers spähend, erblickt, fast nichts.

Wenn unser Blick sich weit öffnete, würde er das ganze Universum mit einem Male wahrnehmen. Solange wir im Bereich der Sinne bleiben, ist alles begrenzt. Öffnen sich jedoch unsere spirituellen Augen, ist keine Entfernung zu groß, kein Berg und keine Dunkelheit können sie aufhalten. Erst wenn der Käfig sich öffnet und die Seele ihre Freiheit wiedererlangt, verstehst du das Wort „grenzenlos“ und kehrst in deine Heimat zurück.

Das Leid des Menschen rührt von seinem Versuch her

sein Verlangen, sein unendliches Verlangen, in einer Flut sinnlicher Genüsse zu ertränken. Statt zu versuchen, den Käfigen zu entfliehen, verlieren sich die Menschen an das. was sie im Käfig finden, und glauben so, frei zu sein. In Wirklichkeit aber sind sie an all die vergänglichen Erscheinungen dieser Welt gefesselt, und die schwerste Aufgabe ihres Lebens besteht in dem Versuch, sich davon zu befreien.

Es ist nun nicht möglich, der Besessenheit von Welt zu entkommen, ohne an ein ewiges Leben zu glauben. Wenn jemand nur das für wahr hält, was ihm seine Sinne vorgaukeln, wird er immer nach dem greifen, was sinnliches Vergnügen verspricht. Selbst wenn man ihm die Hände abhacken würde, versuchte er es noch mit seinen Armstümpfen zu fassen und festzuhalten. Ein solcher Mensch, der das ewige Leben leugnet, ist Sklave von allem. was ihn umgibt. Er ist wie ein Bewußtloser, der alles unternimmt, um nicht zu sich zu kommen. Er versteht nicht, was um ihn ist, und er versteht sich selbst nicht. Er verwechselt die unendliche Sehnsucht, die ihm sein Schöpfer gegeben hat, mit dem Verlangen nach den Dingen dieser Welt. Und er steht damit der Erfüllung seines Verlangens selbst im Weg, weil er nicht sieht, daß es aus einem ganz anderen Bereich kommt. Deshalb sind die Leute in dieser Welt nie glücklich, sie mögen besitzen, so viel sie wollen.

Wer nach Frieden und Zufriedenheit des Herzens sucht, muß hart kämpfen, wie eine Rakete gegen die Anziehungskraft der Erde kämpft. Bildet euch nicht ein, daß dieser Friede ohne große Anstrengungen zu erreichen ist. Zuweilen tritt jemand auf, der behauptet, es geschafft zu haben. Aber es wird schnell deutlich, daß sein Erfolg sehr vergänglich ist. Der Schatten der Furcht jagt solche „Glücklichen“, denn sie wissen nie, ob der folgende Tag nicht den Fall ihres Reiches, den Verlust ihrer Besitztümer bringt. Die Furcht nimmt allem, was sie tun, den Geschmack. Sie mordet und zerstört, und nichts in der Welt kann sie aufhalten.

Heute noch mag er König, mag sie Königin sein, aber wer kann für den nächsten Tag gutsprechen. Wer kann etwas anderes voraussagen als Verfall und Tod? Wer das Ewige leugnet, muß dem Elend verfallen. Die Leute feiern ihre Geburtstage. Aber was haben sie zu feiern? Ein weiteres Jahr ist an ihnen vorbeigerauscht wie Wasser unter einer Brücke, und kein Damm kann es aufhalten. Was feiern sie anderes als den Verlust eines weiteren Stücks aus ihrem dahinschwindenden Schatz. Jedes weiße Haar, das ihnen der Spiegel zeigt, ist wie ein Dolchstoß in ihre Herzen.

Ich schaue jeden Tag, ob noch schwarze Haare in meinem Bart übriggeblieben sind. Ich freue mich auf den Tag, da er ganz weiß sein wird. Warum? Weil es mir anzeigt, daß ich mich dem ewigen Leben nähere. Und ich habe mich auf den Sprung von dieser Welt zur nächsten vorbereitet. Jeder Gläubige erwartet diese Heimkunft mit großer Sehnsucht und Freude, genau wie unser Bruder hier nach zwei Monaten Abwesenheit von zu Hause sich darauf freut, zurückzukehren. Jeden Tag schaut er mich an in der Hoffnung, seinem Ziel näherzukommen. Und so, wie jeden Tag seine Sehnsucht nach Hause und den Lieben wächst, wünscht sich meine Seele täglich mehr, in das ewige Leben hinüberzuspringen. Sie sieht diesem Tag mit großer Freude entgegen, denn es wird für sie ein hoher Festtag sein. Ich bin bereit und lausche aufmerksam dem Ruf.

Habt ihr von Maulana Galalud-din Rumi, dem Großmeister des Ordens der Wirbelnden Derwische, gehört? In seinem Testament legte er nieder, daß die Leute bei seinem Tode nicht weinen und nicht wehklagen sollten. Er sagte, die Nacht seines Todes sei seine Hochzeitsnacht und seine Freude darüber sei größer als die Freude des Bräutigams, der in das Brautgemach geführt wird. Seinem Wunsch entsprechend wurde daher bei seiner Beerdigung eine Hochzeit gefeiert. Mit Trommeln und Flöten wurde er zu Grabe getragen.

Wir alle sind wie Fische, die aus dem Meer gezogen und aufs Trockene geworfen sind. Seht, wie sie herumspringen. Es sieht aus, als tanzten sie. Dabei sterben sie langsam. Wie sehr wünschen sie, in den Ozean zurückgeworfen zu werden. Auf diesen Tag warte ich. Auf den Tag, der mich von den Härten dieses Lebens befreit, an dem ich durch endlose Meere der Barmherzigkeit, Meere der Schönheit, Meere der Gnade, Meere des Wissens, eintauche in die Göttliche Gegenwart. Und daher möchte ich euch, meine Söhne und Töchter, sagen, wie ihr in diesem Leben und in alle Ewigkeit glücklich sein könnt.