erst der Fisch dann der Mensch?

„Das Magazin“ Ausgabe 3 22-28.01.2005

Mysteriöse Missbildungen bei Fischen im Thunersee – und die Fachleute stehen vor einem Rätsel

Neuste Erkenntnisse zeigen: Es geht um nicht weniger als den Fortbestand der Menschen.
Text Hans-Ulrich Grimm, Illustrationen Niklaus Heeb
Zu sehen ist nichts, zu riechen ist nichts, und auch vom Geschmack her sind die geräucherten Fischfilets völlig in Ordnung. Dass etwas nicht stimmt mit den Felchen, das weiss Vreni Lehmann auch, die Wirtin der Piratenbar in Spiez am Thunersee. Aber was, weiss sie nicht. „Es ist ein Rätsel“, sagt sie. Merkwürdige Missbildungen wurden beobachtet bei den Fischen im See, an den Geschlechtsteilen, und zwar bei durchschnittlich 40 Prozent der Felchen, bei manchen Fängen bei bis zu 95 Prozent.


So drastische Deformationen in solcher Zahl hat es bisher nirgends gegeben auf der Welt. Die Gründe sind ungeklärt. Und offen sind auch die langfristigen Folgen, für die Fische – und für die Menschen. Denn der Fisch ist so etwas wie ein gesamtökologisches Frühwarnsystem.
Deshalb sind sie heute zeitig aufgestanden, die Fischer, die Wissenschaftler und die Inspektoren.

Es ist eine sternenklare Nacht. Auf dem Niederhorn, hoch über dem See, blinkt ein rotes Warnlicht. Unten auf dem Wasser liegt Nebel. Mehrere Fischer sind schon draußen, sie fangen heute zu Forschungszwecken.
Kurt Klopfenstein ist auch dabei, der die Felchen in die Piratenbar geliefert hat.
Die MS Hecht soll die Fische abholen und in die Fischzuchtanlage Faulensee bringen. Es ist keine schicke Jacht, eher ein Arbeitsschiff mit einer schmucklosen Kabine und einer grünen Kiste für die Fische, achtern auf Deck.

Peter Friedli vom Fischereiinspektorat Bern geht an Bord, zusammen mit dem Veterinär Matthias Escher aus Spiez.
Beat Rieder von der Fischzuchtanlage steuert das Schiff. Der Fang heute soll Außchluss geben über die Ursachen der Mutationen, verschiedene Forscherteams werden die Fische analysieren.
Ihre Erkenntnisse sind von weit reichender Bedeutung, denn bedenkliche Veränderungen gab es auch anderswo, bei ein paar Äschen in der Aare und einigen Felchen im Bielersee beispielsweise.
In Schweizer Kläranlagen wurden verweiblichte Männchen gefangen. Transsexuelle Fische gingen auch in England ins Nerz, unterhalb von Kläranlagen. In Japan hatten Flunder-Männchen plötzlich weibliche Eier.

Bei Barschen in hessischen Jachthäfen waren die Hoden bizarr vergrößert – ein Umstand, der auf einen Stoffnamens Tributylzinn (TBT) zurückgeführt wird. TBT ist ein wahres Multitalent:
Es dient als Anti-Foulingmittel bei Schiffsanstrichen, findet sich aber auch in Fischkonservendosen, Fussballtrikots,
Kartoffeln und sogar in Babywindeln. Triburylzinn ist einer der chemischen Stoffe, die sich in Nahrung und
Umwelt vermehrr finden – und auf den Körper verhängnisvoll wirken:
Sie bringen das Hormonsystem durcheinander. Die Pubertät findet immer früher statt – und wird nach Ansicht
deutscher Wissenschaftler bei Mädchen bald mit neun Jahren beginnen. So berichtete der ,,Blick“ schon vor einigen lahren über ein landesweites. Busenwunderr: „Busen der Schweizerinnen: immer grösser und schöner“.
Dabei könnten, meinte damals die Zürcher Toxikologin Margret Schlumpf, eben jene Chemikalien eine Rolle spielen, die wie Hormone wirken. Sie sind in der Nahrung enthalten, in Pestiziden, in Plastikgegenständen, in der Kleidung, in Kosmetika.

Schon 1999 hatte eine Studie des Buwal („Stoffe mit endokriner Wirkung in der Umwelt“) diverse Phänomene mit
mutmasslich hormonellem Hintergrund aufgelistet: Der in der Schweiz ausgestorbene Fischotter könnte, so die Studie, durch hormonell aktive Gifte zu Grunde gegangen sein. Dass die Fänge der Angler in Bächen und Flüssen rückläufig sind, verweist auf einen generellen Rückgang der Fischbestände. Umgekehrt nahm die Zahl von Vogelarten wie Wanderfalke, Habicht oder Sperber, die jahrelang geschrumpft war, seit dem Verbot des Pestizids DDT wieder zu.
Was den Menschen betrifft, so nahmen laut den Statistiken verschiedener Kantone die Fälle von Hodenkrebs zu.
Die Brustkrebsrate der Schweiz ist eine der höchsten in Europa und Hodenkrebs laut Spitalstatistik die häufigste Tumorart bei Schweizer Männern zwischen 15 und 39 Jahren.

Mit einem gross angelegten, vom Nationalfonds unterstützten 16-Millionen- Franken-Forschungsprogramm
(NRP 50) wird jetzt die hormonelle Lage der Nation erkundet. Titel: „Endocrine Disruptors: Relevance to Humans, Animals and Ecosystems“ ( Hormonaktive Substanzen: Auswirkungen auf Menschen, Tiere und Ökosysteme).
Eines der Projekte beschäftigt sich mit den mysteriösen Vorgängen bei den Fischen im Thunersee.
Die MS Hecht sucht vorerst ergebnislos nach den Fischerbooten, bei denen sie ihre frisch gefischten Forschungsobjekte abholen soll. Der 90-PS-Volvo-Schiffsdiesel tuckert, und Beat Rieder schaltet den Autopiloten ein: Kurs Nordwest, 3oo Grad, Richtung Beatenbucht. Der Scheinwerfer hilft nicht weiter: Er strahlt im Dunkel nur die Nebelwand an. Das Echolot zeigt die Tiefe an: 218 Meter. Von den Fischern weit und breit keine Spur.
Die MS Hecht irrt weiter über den See.

Östrogene in Babynahrung

Die hormonähnlichen Substanzen, die möglicherweise auf die Fische wirken, sind nicht leicht zu identifizieren.
Denn es sind sehr viele, und sie wirken schon in ganz geringen Konzentrationen. DieAuswirkungen sind unabsehbar, denn ihre Funktionen sind vielflältig und von kaum zu überschätzender Bedeutung. So beeinflussen die Hormone beispielsweise Charakter und Verhalten. Das männliche Geschlechtshormon Testosteron macht aggressiv, das weibliche Östrogen sanft und freundlich. Hormone steuern die Nahrungsaufnahme, regeln Hunger und Sättigung und auch die Verwertung der Nahrung. Sie sind wahrhaft überlebensnotwendig. Auch für die Gattung Mensch als Ganzes. Denn sie regeln auch die Fortpflanzung, das Sexualverhalten, die Lust.
Und dazu braucht es relativ wenig Hormone, nicht nur bei Felchen, auch bei Menschen.
Schon sehr geringe Dosen können zu einer Geschlechtsumwandlung führen wie bei jener Heidi Krieger,
die 1986 Europameisterin im Kugelstossen war und heute Andreas heisst – dank Testosterondoping in der damaligen DDR.

Denn der Unterschied zwischen Mann und Frau ist überraschend gering: gerade mal 0,0000054 Gramm Testosteron pro Liter Blut. Das Sexualhormon ist beim Mann in einer Konzentration von sechs Mikrogramm pro Liter Blut vorhanden: sechs Millionstelgramm also. Das entspricht einem Gramm Testosteron, vertellt auf 1666 Badewannen mit je hundert Liter Inhalt. Frauen haben ein Zehntel davon. Erschwerend hinzu kommt, dass bei den Hormonen womöglich jene Regel nicht gilt, nach der eine erhöhte Dosis die Wirkung erhöhe „Hormone wirken nicht stärker, wenn man viel von ihnen nimmt.
Manchmal passiert sogar das Gegenteil“, sagt Frederick vom Saal, Hormonspezialist an der University of Missouri.
Und: „Ich glaube, wir haben bisher am falschen Ende der Konzentrationsskala gesucht.“
Die Zürcher Wissenschaftlerin Margret Schlumpf, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Hormone,
hat vor allem Sonnenschutzmittel untersucht. In ihrem Büro auf dem Irchel mit Aussicht auf eine Wiese stehen Stapel mit Büchern und wissenschaftlichen Zeitschriften auf Tischen und Stühlen („wir sind am Zügeln“), und dazwischen immer wieder Tuben und Tiegel mit Kosmetika und Sonnenschutzmitteln.

An der Tür hängt das Foto einer haarlosen Ratte in einem Becherglas. Sie steht, die Pfotchen am Glasrand, bis zur
Schulter in einer Flüssigkeit: Olivenöl mit einem UV-Sonnenschutzfilter, einem hormonähnlichen Stoff.
Der galt bisher als harmlos, so Schlumpfl „Die Hersteller sagen, es geht nicht durch die Haut.“ Jetzt weiss man es besser, denn: „Wir haben rausgefunden: Es geht durch die Haut.“
Die Firmen waren verständlicherweise nicht begeistertvon diesem Ergebnis, das inzwischen von einer dänischen Forschergruppe bestätigt wurde. Die langfristigen Folgen bei den armen Ratten und ihren Nachkommen waren schwerwiegend: Veränderungen im Gehirn, eine verkürzte Lebenserwartung, vergrösserte Eierstöcke bei den Weibchen und eine verspätete Pubertät bei den Männchen. Dabei können auch natürliche Nahrungsmittel wie Hormone wirken – vor allem, wenn sie zur falschen Zeit von den falschen Konsumenten verzehrt werden:
So ist es vor allem die sojahaltige industrielle Babynahrung, die als Ursache für extreme Frühreife gilt.
In einer US-amerikanischen Studie mit 17 000 Mädchen hatte ein Prozent aller Dreijährigen erste Anzeichen von Brüsten und Schamhaaren. Der Grund: Im Soja wirken östrogenähnliche Substanzen, die so genannten Isoflavone – jedenfalls in der industriellen Soja-Babynahrung.
Wenn stillende Mütter hingegen Soja essen, findet sich in ihrer Milch davon nichts. Der mütterliche Körper weiss offenbar, was gut ist fürs Kind. Die Industrialisierung der Nahrung jedoch vermehrt die hormonaktiven Chemikalien. Entgehen kann man ihnen kaum: Sie finden sich in Plastikverpackungen, in Fischkonservendosen, Kosmetika. Und in Deckeln auf Bierflaschen: Exzessiv um ihre Männlichkeit besorgte Zeitgenossen sollten, so riet das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, „beim Öffnen von Bierflaschen den Deckel nur mit spitzen Fingern berühren“ und überdies auch „Erdbeeren misstrauen“. Denn auch Rückstände von Agrargiften können hormonaktiv werden. Wer die Belastung minimieren möchte, muss verpackte Industrienahrung meiden und – zumeist giftfreie – Bio-Lebensmittel essen.

Es liegt nicht an der Munition

Im Thunersee hatte man zunächst auf die 4500 Tonnen Munition getippt, die dort seit der Nachkriegszeit auf dem Grund liegt.
Aber erstens gibt es solche Munition auch in anderen Seen, deren Fische keine Veränderungen aufweisen.
Und zweitens ist davon noch nichts in den See übergegangen:
Die Behälter sind, sagt Felix Althaus, Leiter der NRP-50-Studie und Professor am Institut für Veterinärpharmako-
logie der Universität Zürich),“von so guter Schweizer Qalität, dass das noch einige Jahrhunderte dicht bleibt“.
Allerdings: „Man findet nur das, wonach man sucht“, ergänzt Althaus. Und es gibt viele einschlägige Chemikalien –
553 Einträge enthält die Verdachtsliste des EU-Projekts „Credo“, (Cluster of Research on Endocrine Disruptors in Europe).
Auf dem See hat die Besatzung der MS Hecht jetzt endlich die Fischer gefunden.
Ein helles Licht raucht auf, schemenhaft im Nebei: ein winziges längliches Boot. Darauf, aufrecht stehend, zwei Fischer in grünem Ölzeug. Das Boot geht an Steuerbord längsseits. Mir einem Feumer wird der glitschige Fisch herübergeholt. Er kommt in die Kiste auf Deck. Dann dreht der Fischer seinen Yamaha-Äussenborder auf und verschwindet im Dunkel. Mit 13 Knoten pflügt die MS Hecht zu den Forschern in der Fischzuchtanlage.

Männer werden unfruchtbar

Die Wissenschaft hat schon einiges herausgefunden über die Hormonchemikalien.
Britische Forscher etwa stellten fest, dass jüngere Menschen weitaus mehr von diesen Kunsthormonen in ihren Blutbahnen haben als ältere. Bei den Testpersonen zwischen 9 und 88 Jahren hatten die Jüngsten 75 dieser Stoffe im Blut, die ältesten nur 56. Viele Menschen nehmen, einer anderen Studie zufolge, von einem der hormonell wirksamen Hauptverdächtigen, dem Weichmacher DEHP, weit mehr zu sich, als sie sollten.
DEHP (Diethylhexylphthalat) ist eine Substanz, die Kunststoffe biegsam macht, sie steckt in plastikgeschirr, Gartenschläuchen oder Giesskannen, in PVC-Böden, Milchflaschen und sogar in medizinischen Geräten.
Der Mensch kommt täglich mit ihnen in Berührung. Die empfohlene Maximaldosis beträgt 30 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht, der gemessene Spitzenwert lag bei 166 Mikrogramm pro Kilo. „Diese Studien sind ein Aiarmsignal“, sagt der Toxikologe Jürgen Angerer von der Universität Erlangen. Sein Team hat letztes Jahr festgestellt, dass bei einigen dieser so genannten Phthalate die Konzentration im Blut zehnmal höher ist, als bisher gedacht.

Kinder waren sogar doppelt so hoch belastet wie die Erwachsenen. Und es gibt sehr viele von diesen Phthalaten:
Acht Millionen Tonnen werden jährlich weltweit produziert. Als die MS Hecht an der Quaimauer anlegt, steht oben in der Einfahrt ein weisser WV-Bus der Universität Bern. Einer fährt einen Karren mit einer weissen Plastikwanne heran, darauf wird der Fang in die gekachelte Halle mit den zehn grossen grünen Fischzuchtbecken geschafft, in denen pro Jahr mehrere Millionen Felchen ausgebrütet werden. Die Forscher machen sich jetzt an die Vermehrung der Forschungsfische – von Hand gewissermassen.
Erleichtert wird das dadurch, dass Fischsex ziemlich unromantisch und distanziert stattfindet.
Die Partner kommen sich nicht einmal besonders nahe, sollten nur die gleiche Laichgegend aufsuchen.
Dort geben sie ihre Fortpflanzungssubstanzen ins Wasser ab. Hans Walther von der Fischzucht Reutigen drückt sanft, aber entschieden („Es ist ganz einfach“) mit dem Daumen den silbrigen Unterleib der Fische, und schon sondern die Weibchen den gelben Kaviar („Rogen“) ab und die Männchen ihren weisslichen Samen
(die „Milch“, wie die Fischer sagen). Bei manchen zucken noch die Kiemen. Dann wird die Milch zum Rogen gekippt,Wasser dazugegossen, mit einer Schwanenfeder umgerührt. Fertig.

Die befruchteten Eier kommen dann in verschiedene Plastikschälchen. 4500 davon haben die Forscher
mitgebracht. Mit einer grossen Spritze gibt einer Wasser in die Petrischalen, die meterlang wie auf Tapeziertischen
verteilt sind: Wasser vom Thunersee, vom Urnersee, reines Qgellwasser.
Dann wird sich zeigen, ob die Felchen auch in anderen Milieus Missbildungen entwickeln;
vielleicht waren ja die im Thunersee nur die ersten, dann kommen die anderen – und schliesslich die Menschen.
In vielen Ländern jedenfalls haben sich auch bei den menschlichen Fortpflanzungsorganen schon Veränderungen gezeigt.

ln England, den USA, Neuseeland, Kanada sind, wie in der Schweiz, die Hodenkrebsraten in die Höhe geschnellt.
Auch der Prostatakrebs nimmt zu,vor allem bei relativ jungen Männern zwischen 45 und 54 Jahren.
Untersuchungen zeigen, dass auch die Spermaqualität zu wünschen übrig lässt. Nach Erkenntnissen des dänischen
Wissenschaftlers Niels Skakkebaek sank beim Durchschnittseuropäer die Zahl der Spermien von 1940 bis 1990 um die Hälfte, von 113 Millionen pro Milliliter Samenflüssigkeit auf gerade noch 66 Millionen. Die US-Forscherin Shanna Swan, die kürzlich am Tierspital in Zirich einen Vortrag hielt, berichtete von einem Rückgang der Spermaqualität vor allem in ländlichen Regionen der USA, wo die Bewohner viel mehr Kontakt mit Agrarpestiziden haben als in den Städten.

Das gehe auch die Schweiz an, meint Felix Althaus, Leiter des Hormonforschungsprojekts NRP 50. Denn:
„Im Vergleich zu Los Angeles ist ja die ganze Schweiz eine ländliche Region.“ 26 Forschungsteams beschäftigen sich mit Hormonchemikalien zu Wasser, zu Lande und in der Luft, mit den Wirkungen auf die Gehirne von Zebrafischen, mit Flammschutzmitteln und der Rolle der Hormone bei Brustkrebs. Margret Schlumpf erforscht die UV-Filter-Effekte im Gehirn von Schwangeren, Serge Nef in Genf die Auswirkungen der hormonaktiven Chemikalien auf die Genitalzone der ungeborenen Knaben, und Marc Germond in Lausanne will die ganze Schweiz kartieren im Hinblick auf die Spermaqualität (www.nrp50.ch).

Gerüchte am Thunersee

Längst gehen am Thunersee Gerüchte um über die geschlechtsveränderten Fische. „Es gibt Leute, die sagen, es kommt von den Erdstrahlen“, erzählt Fischereiinspektor Friedli. Andere glauben, es kommt von den Kursschiffen.“
Originelle Erklärungen. Der Lärm, die Wellen. Er selbst glaubt natürlich nicht daran.
Der Fischrückgang mancherorts könne aber vielleicht am veränderten Klima liegen, glaubt er. Äuch der Nebel sei dafür ein Zeichen: Der ist jetzt so dicht geworden, dass man nur noch wenige Meter weit sieht.
„Das gabs früher nicht, Nebel zur Laichzeit“, sagt Friedli. Zwischendurch fällt das Echolot aus, das Schiff droht,
auf Grund zu laufen. Beat Rieder tastet sich durch das Ungewisse. Das Ufer taucht auf, Villen, Gärten, verlassene Liegestühle.

Als eine Anlegestelle durch den Nebel schimmert, steuert er sie an, gibt übers Handy seine Position durch:
„Wir sind im Hafen von Hünibach. Wir warten da.“
Im Jahr 2000 ist das Phänomen zum ersten Mal aufgetreten. Berufsfischer haben es entdeckt. Friedli fragt:
„Was ist an diesem See anders, dass der Fisch hier diese Deformationen aufiveist? Was war in diesem Jahr 2000
oder in den Jahren zuvor geschehen? Welche Substanzen könnten diese Deformationen erzeugen?“

Bisher haben sich für solche Veränderungen in der Tierwelt bloss ein paar wenige Naturfreunde interessiert.
Auch das Aussterben vieler Arten liess die meisten kalt: Es gibt ja noch immer Tiere genug. Über Jahrmillionen
sind ein bis drei Arten pro Jahr verschwunden, jetzt sind es etwa tausend – pro Jahr. Es werden viele Ursachen ins
Feld geführt, etwa die Jagd oder die Überfischung der Meere. Oder gar artenschädliche Praktiken der Tiere selber,
wie die Überfälle der Killerwale auf die Seeotter. Das Artensterben könnte aber auch mit hormonellen Veränderungen zusammenhängen, wie Margret Schlumpf in ihrem Buch über „Hormonaktive Chemikalien“ meint.

Die „Organochlorbelastung“ der Meere beispielsweise trage bei zum Nachwuchsschwund bei Seehunden, Eismeer-
Ringelrobben und Kegelrobben. Bei den kanadischen Seelöwen gelten Schadstoffe als Auslöser für Nachwuchsprobleme.
Auch die Phthalate, die Weichmacher in den Kunststoffen, haben Auswirkungen auf die Fortpflanzungsfähigkeit –
nicht nur bei jenen 168 Männern, die mit unerfülltem Kinderwunsch zu Forschungszwecken in eine Harvard-Klinik
kamen: Bei ihnen war, wie ein Team der Harvard School of Public Health nach einer 2003 veröffentlichten Studie herausfand, die Spermakonzentration umso geringer, je höher die Belastung mit diesen Phthalaten war, was wiederum, so die Forscher: „mit einer niedrigeren Fruchtbarkeit verbunden sein“ könne.
Mit dem Gehalt eines bestimmten Abbauprodukts im Blut (Monoethyl-Phthalat, MEP) nahmen nach einer anderen
Untersuchung die Schäden an der Erbsubstanz der Spermien zu. „Deswegen hat man solchen Respekt vor dem Zeug“, sagt Margret Schlumpf. Und deswegen gehen die Forscher in der Fischzuchtanlage den Felchen an die Eingeweide.

Doktorand David Bittner, erkennbar an der grünen Wollmütze, zieht den zuckenden Fischen mit dem Holzprügel eins über und gibt den Leichnam weiter an Thomas Wahli, Biologe am Tierspital Bern. Der trocknet die Fische mit einem haushaltsüblichen Tuch, wiegt sie ab und gibt sie nach links an seinen Kollegen Daniel Bernet.
Der schlitzt mit einem Skalpell die Bäuche auf, befühlt die rötlich-weisslichen Eingeweide und kommentiert:
„Konstriktion rechts, Konstriktion links“. Das notiert Privatdozent Carlo Largiader vom Zoologischen Institut
der Universität Bern, Abteilung Populationsgenetik. Dunkelgraue Thermohose, Fleecejacke von Jack Wolfskin,
in der linken Hand ein Schreibbrett,“Samplingprotokoll Thunersee“. Von den ersten elf Fischen hatten fünf solche Befunde.

Die Hoden liegen bei den Felchen innen, längliche, rötliche Organe. Manche sehen aus, als ob sie mit Zahnseide abgebunden und in mehrere Stücke aufgeteilt worden wären. Nummer 10 hat gar einen dreigeteilten Hoden. Einen Zwitter gab es heute auch schon. Dessen männlich-weibliche Geschlechtsorgane liegen jezt in einem kleinen roten Fläschchen. Ein Prozent der Fische waren solche Hermaphroditen, eine europaweit einmalige Qote. Im Nachbarzimmer wird Professor Claus Wedekind, ein junger Biologe mit Jeanshemd und brauner Hose, etwas nervös. Es hat zu wenig Sperma gegeben, nur ein paar Milliliter für die ersten Plastikschälchen.
Jetzt droht einiges aus dem Lot zu geraten. Wedekind flehentlich: „Wir brauchen so viel Tröpfchen wie möglich.“
So wenig es sein mögen: Qalitativ war an den Tröpfchen bisher nichts auszusetzen.

Die Samenqualität hat nach bisherigen Erkenntnissen nicht gelitten, auch die Fortpflanzungsflähigkeit der weiblichen
Felchen ist nicht beeinträchtigt, wie eine Untersuchung des Veterinärs Matthias Escher im Auftrag des Fischereiinspektorats ergab. Diesbezüglich kein Grund zur Beunruhigung also. Andererseits: „Wir wissen nicht, ob wir nicht am Anfang einer Veränderung stehen“, sagt Escher. ,,Vielleicht gibt es bei den Fischen diskrete Entwicklungen, die sich erst im Erwachsenenalter zeigen“, sagt Professor Älthaus.“Es bedrückt mich“, sagt Margret Schlumpf, die eigentlich durchaus eine fröhliche Person ist, dies aber so gar nicht zum Lachen findet. „Es bedrückt mich vor allem im Hinblick auf den Fortbestand von Mensch und Tier.“

Hormonaktives Migros-Produkt?

Es gibt kein grösseres Thema, kein wichtigeres Forschungsfeld. Es geht, in letzter Konsequenz, um die Zukmft, ja die Existenz des Menschengeschlechts. Oder, im speziellen Fall, um die Frage: Stirbt die Schweiz aus?
Vermutlich nicht, und schon gar nicht bald. Aber es gibt Indizien. Die Ausbreitung der hormonell wirksamen Stoffe ist auch in der Schweiz zu beobachten: Fischdosen mit einer bestimmten Beschichtung fanden sich 1998 in vielen Supermärkten.
Die Beschichtung dient der Bequemlichkeit, soll das Aufreissen erleichtern: Die Substanz heisst Bisphenol A
oder Bisphenol-A-diglycidylether, abgekürzt Badge. Auch Pestizidrückstände finden sich immer wieder: in Salat, Äpfeln, Honig, Wein. Und die UV-Sonnenschutzsubstanzen finden sich mittlerweile sogar in Weichspülmitteln wie Excelia Suncare, einem Migros-Produkt („Erhöht den ungenügenden Sonnenschutz heller Textilien“).
Die Migros und Lieferant Ciba versichern, das Erzeugnis habe „keine entsprechende Wirkung“.

Unabhängige Untersuchungen konnten die Entwarnung nicht bestätigen – mangels Testsubstanz vom Hersteller:
„Wir kriegen kein Testmaterial“, sagt die Zürcher Toxikologin Margret Schlumpf, „trotz mehrfacher Anfrage“.
Dabei teilt die Chemie- und Pharmaindustrie eigentlich „die Besorgnis um allfällige negative Auswirkungen von
hormonwirksamen Stoffen auf Mensch und Tier“, so Richard Gamma vom zuständigen Industrieverband SGCI Chemie Pharma Schweiz, legt allerdings „grossen Wert darauf, dass keine voreiligen Schlüsse gezogen“ werden.
Vielleicht gibt es schon bald mehr Klarheit. Die Crew der MS Hecht jedenfalls hat ihren Weg schliesslich gefunden.
Mit Autopilot geht es zurück zur Fischzuchtanlage. An der Landspitze sind nun die Umrisse von Bäumen zu sehen, die Sonne bricht durch den Dunst. Die Fischer haben sie unterwegs nochmal getroffen, auch Kurt Kopfenstein, der die Felchenfilets an die Piratenbar geliefert hat. Ob es ein mutierter Fisch war, weiss niemand. Aussortiert wird nicht: Die Felchen, die nicht zu Forschungszwecken gebraucht werden, landen in einer weissen Plastikbox.

Ob man die einfach so essen kann? Fischereiinspektor Friedli druckst ein wenig herum. Nur nichts Falsches sagen
jetzt. Friedli verspricht ein E-Mail mit der offiziellen Sprachregelung.
Es lautet, in voller Länge: „Seit dem Winter 2000 werden bei geschlechtsreifen Felchen aus dem Thunersee Veränderungen an den Geschlechtsorganen festgestellt. Die betroffenen Fische unterscheiden sich äusserlich in keiner Weise von den anderen Felchen. Ebenso wenig lassen sich zwischen betroffenen und nichtbetroffenen Fischen Unterschiede in Farbe und Beschaffenheit des Fleisches feststellen.
Da alle inneren Organe von Fischen vor dem Verkauf vollständig entfernt werden,
besteht nach Ansicht des kantonalen Veterinärdienstes und des kantonalen Laboratoriums kein Anlass,
Fleisch von betroffenen Felchen nicht zum Konsum zuzulassen.“

Hans-Ulrich Grimm (redaktion@dasmagazin.ch) ist Autor von populären Ernährungsbüchern wie „Die Suppe lügt“
und „Aus Teufels Topf“. Sein letztes Buch: „Die Ernährungslüge“, (Droemer-Verlag, 2003)
Niklaus Heeb ist wissenschaftlicher Illustrator und Biologe (atelier@niklaus-heeb.ch).