Platons Hoehlengleichnis

Alfred Kroener Verlag, Stuttgart
Platon, Der Staat
Deutsch von August Horneffer
SIEBENTES BUCH

Das Höhlengleichnis

Und jetzt will ich dir ein Gleichnis für uns Menschen sagen, wenn wir wahrhaft erzogen sind und wenn wir es nicht sind. Denke dir, es lebten Menschen in einer Art unterirdischer Höhle, und längs der ganzen Höhle zöge sich eine breite Öffnung hin, die zum Licht hinaufführt. In dieser Höhle wären sie von Kindheit an gewesen und hätten Fesseln an den Schenkeln und am Halse, so dass sie sich nicht von der Stelle rühren könnten und beständig geradeaus schauen müssten. Oben in der Ferne sei ein Feuer, und das gäbe ihnen von hinten her Licht. Zwischen dem Feuer aber und diesen Gefesselten führe oben ein Weg entlang. Denke dir, dieser Weg hätte an seiner Seite eine Mauer, ähnlich wie ein Gerüst, das die Gaukler vor sich, den Zuschauern gegenüber, zu errichten pflegen, um darauf ihre Kunststücke vorzuführen.

Ja, ich denke es mir so

Weiter denke dir, es trügen Leute an dieser Mauer vorüber, aber so, dass es über sie hinwegragt, allerhand Geräte, auch Bildsäulen von Menschen und Tieren aus Stein und aus Holz und überhaupt Erzeugnisse menschlicher Arbeit. Einige dieser Leute werden sich dabei vermutlich unterhalten, andere werden nichts sagen.

Welch seltsames Gleichnis! Welch seltsame Gefangene!

Sie gleichen uns! – Haben nun diese Gefangenen wohl von sich selber und voneinander etwas anderes gesehen als ihre Schatten, die das Feuer auf die Wand der Höhle wirft, der sie gegenübersitzen?

Wie sollten sie! Sie können ja ihr Leben lang nicht den Kopf drehen!

Ferner: von den Gegenständen, die oben vorübergetragen werden? Doch ebenfalls nur ihre Schatten?

Zweifellos

Und wenn sie miteinander sprechen können, so werden sie in der Regel doch wohl von diesen Schatten reden, die da auf ihrer Wand vorübergehen.

Unbedingt

Und wenn ihr Gefängnis auch ein Echo von der Wand zurückwirft, sobald ein Vorübergehender spricht, so werden sie gewiss nichts anderes für den Sprecher halten als den vorüberkommenden Schatten.

Entschieden nicht

Überhaupt, sie werden nichts anderes für wirklich halten, als diese Schatten von Gegenständen menschlicher Arbeit.

Ja, ganz unbedingt

Nun denke dir, wie es ihnen ergeht, wenn sie frei werden, die Fesseln abstreifen und von der Unwissenheit geheilt werden. Es kann doch nicht anders sein als so. Wenn einer losgemacht wird, sofort aufstehen muss, den Hals wenden, vorwärts schreiten und hinauf nach dem Licht schauen muss das alles aber verursacht ihm natürlich Schmerzen, und das Licht blendet ihn so, dass er die Gegenstände, deren Schatten er bis dahin sah, nicht erkennen kann -, was wird er dann wohl sagen, wenn man ihm erklärt: bis dahin habe er nur eitlen Tand gesehen- jetzt sei er der Wahrheit viel näher und sähe besser – denn die Gegenstände hätten höhere Wirklichkeit, denen er jetzt zugewendet sei! Und weiter, wenn man auf die einzelnen Gegenstände hinzeigt und ihn fragt, was sie bedeuteten. Er würde doch keine einzige Antwort geben können und würde glauben, was er bis dahin gesehen, hätte mehr Wirklichkeit, als was man ihm jetzt zeigt.

Weit mehr

Und zwingt man ihn, das Licht selber anzusehen, so schmerzen ihn doch die Augen. Er wird sich umkehren, wird zu den alten Schatten eilen, die er doch ansehen kann, und wird sie für heller halten als das, was man ihm zeigt.

Ja, das wird er tun

Und zieht man ihn gar den rauen steilen Ausgang mit Gewalt hinauf und lässt nicht ab, bis man ihn hervor ins Sonnenlicht gezogen hat, so steht er doch Qualen aus, wehrt sich unwillig, und, ist er oben im Licht, so hat er die Augen voller Glanz und kann kein einziges von den Dingen sehen, die wir wirklich nennen.

Nein. wenn es plötzlich geschieht, nicht

Er muss sich an das Licht gewöhnen, wenn er die Gegenstände oben sehen will. Zuerst wird er wohl am besten die Schatten erkennen, später die Spiegelungen von Menschen und anderen Gegenständen im Wasser, dann sie selber. Weiter wird er die Himmelskörper sehen und den Himmel selber, und zwar besser bei Nacht die Sterne und den Mond, als bei ‚I’age die Sonne und ihre Strahlen.

Freilich

Schliesslich wird er in die Sonne selber sehen können, also nicht bloß ihre Spiegelbilder im Wasser und anderswo hier unten erblicken, sondern sie selber oben an ihrem Ort. Er wird ihr Wesen begreifen.

Unbedingt

Und dann vermag er den Schluss zu ziehen, dass sie es ist, die Jahreszeiten und Jahre hervorbringt, die über die ganze sichtbare Welt waltet und von der in gewissem Sinne alles, was man sieht, ausgeht.

Es ist klar, dass er hierhin zuletzt gelangt

Nun weiter! Wenn er jetzt an die alte Wohnung zurückdenkt und an die dortige Weisheit und an seine Mitgefangenen, so preist er sich doch glücklich über den Wechsel und bedauert jene.

Gewiss

Und wie denkt er über die Ehrungen und Lobsprüche und Geschenke, die man da unten voneinander erhielt? Nämlich dann, wenn einer die vorbeikommenden Schatten recht genau erkannte und sich am besten einprägte, welche zuerst, welche nachher und welche zu gleicher Zeit zu erscheinen pflegten, wodurch er denn die in Aussicht stehenden gut erraten konnte. Wird es ihn noch danach verlangen? Wird er die Leute beneiden, die unten in Ansehen stehen und die Macht in Händen haben? Oder wird es ihm so ergehen wie es bei Homer steht? Das heißt, wird er weit lieber Ackerknecht bei einem armen Manne sein und alles aushalten wollen, als jenen Wahn teilen und jenes Leben führen?

Ja, ich glaube, er erträgt lieber alles, als dass er jenes Leben führt

Denke dir nun auch dies: er stiege wieder hinunter und setzte sich auf den alten Platz. Wird er nicht die Augen voller Finsternis haben, wenn er so plötzlich aus der Sonne kommt?

Ganz und gar

Und während seine Augen also noch stumpf sind und hin und her irren, müsste er um die Wette mit den dauernd Gefangenen wieder jene Schatten zu erkennen suchen. Nehmen wir nun noch die Zeit, bis er sich an das Dunkel gewöhnt hat, nicht ganz kurz an, so wird man ihn doch auslachen und sagen, er käme von seinem Aufstieg mit schlechten Augen zurück. Es lohne sich nicht, den Versuch zum Aufstieg zu machen. Wer aber andere freimachen und hinaufführen will, den wird man töten, wenn man seiner habhaft wird und ihn töten kann.

Gewiss

Nun musst du dies ganze Gleichnis mit unserer voraufgegangenen Darlegung zusammenhalten, lieber Glauko. Setze an Stelle der Gefängniswohnung die durch den Gesichtssinn offenbarte Welt und an Stelle des lichtspendenden Feuers die Kraft der Sonne. Wenn du dir ferner unter dem Aufstieg und dem Kennenlernen der Oberwelt die Wanderung der Seele zur denkbaren Welt hinauf denkst, so verstehst du meine Meinung, die du ja zu hören wünschst, durchaus richtig. Gott weiß, ob ich die Wahrheit gefunden habe! Meine Ansicht jedenfalls geht dahin, dass es in der erkennbaren Welt die Idee des Guten ist, die man zuletzt und mit Mühe gewahr wird. Ist man aber ihrer ansichtig geworden, so muss man zu der Überzeugung kommen, dass alles Rechte und Schöne in der ganzen Welt von ihr ausgeht. In der sichtbaren Welt schafft sie das Licht und den Herrn des Lichts- in der denkbaren Welt ist sie selber Herrin und gibt Wahrheit und Vernunft. Und wer mit Vernunft handeln will, in seinem persönlichen Leben oder als Staatsmann, der muss sie sehen lernen.

Das glaube auch ich, soweit ich die Kraft dazu habe

Nun, so glaube auch dies und wundere dich nicht darüber! Wer dahin gedrungen ist, mag sich nicht um menschliche Angelegenheiten bekümmern. Seine Seele verlangt danach, in der Höhe zu verweilen. Es muss ja wohl so sein, wenn es zu unserem Gleichnis stimmen soll.

Freilich

Und weiter! Darf man sich wundern, dass, wer sich von der Betrachtung des Göttlichen zu den menschlichen Gebrechen wendet, Anstoß erregt und sich Lächerlich macht? Mit noch stumpfen Augen, der Finsternis noch nicht vertraut, soll er sich vor Gericht oder anderswo über die Schatten der Gerechtigkeit oder über die Spiegelbilder, deren Schatten jene sind, herumstreiten, soll gegen die Auffassungen derer in die Schranken treten, die die Gerechtigkeit selber nie zu Gesicht bekommen haben!

Darüber kann man sich durchaus nicht wundern

Im Gegenteil, ein Einsichtiger wird sich gegenwärtig halten, dass die Augen zweimal und aus zwei Gründen den Dienst versagen: wenn man vom Licht ins Dunkel geht, und wenn man vom Dunkel ins Licht geht. Überzeugt er sich dann, dass es der Seele ebenso ergeht, so wird er nicht in unvernünftiges Lachen ausbrechen, sobald er eine Seele in Verwirrung und außerstande sieht, gewisse Dinge aufzufassen. Er wird fragen, ob sie aus einer helleren Umgebung kommt und sich an das Dunkel noch nicht gewöhnt hat. oder ob sie aus dem Unverstand, in größere Helligkeit versetzt wird und der leuchtende Schimmer sie blendet. Jene erste wird er ihrer Verfassung und ihres Lebens wegen glücklich preisen, die zweite wird er bedauern. Will er über sie lachen, so ist sein Lachen weniger 1ächerlich, als wenn er über die lacht, die aus dem Lichte herabkommt.

Was du sagst, ist vollkommen zutreffend

Und ist es zutreffend, so müssen wir uns nun auch überzeugen, dass die Erziehung nicht das ist, was einige in ihren Versprechungen von ihr sagen. Sie behaupten, der Seele Erkenntnisse einpflanzen zu können, ohne dass die Fähigkeit dazu vorher vorhanden sei. Es ist, als ob sie blinden Augen Sehkraft geben könnten.

Ja, das behaupten sie

Unsere Untersuchung bekundet aber, dass das Vermögen sowohl wie auch ein Werkzeug zur geistigen Aufnahme in jedes Menschen Seele sich befindet. Aber wie sich nicht die Augen allein rückwärts drehen können, sondern der ganze Körper vom Dunkeln ins Helle gewendet werden muss, so muss zugleich mit dem Erkenntnisvermögen die gesamte Seele von der Welt des Werdens hinweggewendet werden, bis sie den Anblick der wahren Welt und schließlich den des leuchtendsten Gegenstandes in dieser wahren Welt auszuhalten vermag. Dieser Gegenstand ist das Gute, nicht wahr?

Ja

Gefunden bei:
http://www.netvip.com/users/piaries/dhoehle.htm